Eine wichtige Vorbemerkung
Dieses Kapitel behandelt sensible medizinische Themen, darunter auch Brustkrebs. Wir geben Ihnen Information, keine Diagnose. Wir ersetzen keinen Arzt.
Wenn Sie selbst betroffen sind oder eine Diagnose erhalten haben, suchen Sie sich ein spezialisiertes Brustzentrum und eine vertrauensvolle Begleitung. Sie sind nicht allein.
Bei akuter Belastung wenden Sie sich an die Krebsliga Schweiz unter 0800 11 88 11 oder an Ihre behandelnden Ärzte.
Erkrankungen der Brust sind häufiger, als viele denken. Die meisten sind gutartig. Aber jede Veränderung verdient Aufmerksamkeit. Dieses Kapitel gibt Ihnen das Wissen, um informierte Entscheidungen zu treffen, und die Würde, mit der dieses Thema behandelt werden muss.
11.1
Gutartige Veränderungen
Mastopathie, Fibroadenome, Zysten
Die meisten tastbaren Veränderungen der Brust sind gutartig. Bei Frauen unter 35 Jahren ist diese Wahrscheinlichkeit besonders hoch. Häufig handelt es sich um eine sogenannte Mastopathie, ein Sammelbegriff für hormonell bedingte Umbauprozesse im Drüsengewebe. Die Brust fühlt sich knotig oder fest an, oft beidseitig und zyklisch verändert.
Fibroadenome sind gutartige Geschwulste, die häufig bei jungen Frauen vorkommen. Sie fühlen sich gummiartig fest an, sind glatt begrenzt und gut verschieblich. Sie sind nicht gefährlich, werden aber regelmässig kontrolliert. Bei Veränderung oder Wachstum kann eine operative Entfernung sinnvoll sein.
Zysten sind flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Drüsengewebe. Sie entstehen vor allem in den Wechseljahren und können einzeln oder gehäuft auftreten. Eine grosse, schmerzhafte Zyste kann ärztlich punktiert werden, sodass die Flüssigkeit abfliesst und die Brust sich entspannt.
11.2
Brustschmerzen
Mastalgie und ihre Ursachen
Brustschmerzen, medizinisch Mastalgie, gehören zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Frauen ihre Frauenärztin aufsuchen. Sie sind in den meisten Fällen harmlos, aber sie verunsichern. Zyklische Mastalgie tritt in der zweiten Zyklushälfte auf, oft beidseitig, und verschwindet mit der Menstruation. Sie ist hormonell bedingt und kein Anzeichen einer Erkrankung.
Nicht-zyklische Brustschmerzen können vielfältige Ursachen haben, von Muskelverspannungen über Hormonschwankungen bis zu Brustdrüsenentzündungen. Anhaltende, einseitige oder klar lokalisierte Schmerzen sollten abgeklärt werden, weil sie in seltenen Fällen Hinweis auf eine ernste Erkrankung sein können.
11.3
Brustkrebs verstehen
Grundlagenwissen
«Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In der Schweiz erkranken jährlich rund 6'400 Frauen neu an Brustkrebs, etwa 1'400 versterben an den Folgen der Erkrankung. Dank moderner Früherkennung und fortschrittlicher Therapien überleben heute über 85 Prozent der betroffenen Frauen die ersten fünf Jahre nach Diagnosestellung und viele Frauen können dauerhaft geheilt werden.»
Brustkrebs entsteht, wenn Zellen im Drüsengewebe oder in den Milchgängen entarten und unkontrolliert wachsen. Je nach Ursprung unterscheidet man verschiedene Typen: das duktale Karzinom, das von den Milchgängen ausgeht, ist die häufigste Form. Das lobuläre Karzinom hat seinen Ursprung in den Drüsenläppchen. Daneben gibt es seltenere Sonderformen wie das inflammatorische Mammakarzinom.
Brustkrebs wird heute molekular charakterisiert. Hormon-rezeptorpositive Tumoren reagieren auf Östrogen und Progesteron, HER2-positive Tumoren überexpremieren ein bestimmtes Wachstumsprotein. Diese Klassifikation ist zentral für die Therapieplanung, weil sie bestimmt, welche Medikamente wirksam sind.
11.4
Diagnostik
Was nach einem Befund passiert
Wenn ein verdächtiger Befund vorliegt, sei es durch Tasten, Mammographie oder Ultraschall, beginnt die weitere Abklärung. Sie folgt in der Regel einem klar strukturierten Pfad und endet mit der histologischen Sicherung durch eine Biopsie. Erst die mikroskopische Untersuchung der Gewebeprobe gibt die endgültige Diagnose.
Die Biopsie ist kein operativer Eingriff im klassischen Sinn, sondern eine minimal-invasive Entnahme einer Gewebeprobe, oft unter Lokalanästhesie und Ultraschallkontrolle. Die häufigste Methode ist die Stanzbiopsie, bei der mit einer dünnen Hohlnadel mehrere Gewebezylinder entnommen werden. Das Ergebnis liegt nach wenigen Tagen vor.
In der Wartezeit zwischen Biopsie und Befund-Mitteilung erleben viele Frauen eine grosse psychische Belastung. Es ist legitim, in dieser Zeit Unterstützung zu suchen, sei es durch nahe Menschen oder durch psychoonkologische Beratung in einem Brustzentrum.
11.5
Stadien und Therapieoptionen
Im Überblick
Brustkrebs wird in Stadien eingeteilt, die das Ausmass der Erkrankung beschreiben. Stadium 0 bedeutet ein Carcinoma in situ, eine Vorstufe, die noch nicht in das umliegende Gewebe eingedrungen ist. Die Stadien I bis III beschreiben invasive Tumoren mit unterschiedlicher Grösse und Lymphknoten-Beteiligung. Stadium IV bezeichnet eine fortgeschrittene, metastasierte Erkrankung.
Die Therapie wird heute individuell geplant, in einer multidisziplinären Tumorkonferenz, die alle relevanten Fachdisziplinen umfasst: Gynäkologie, Onkologie, Radiotherapie, Plastische Chirurgie, Pathologie, Radiologie. Aus diesem Gespräch entsteht ein Therapieplan, der auf die persönliche Situation zugeschnitten ist.
Die wichtigsten Therapiebausteine sind Operation, Strahlentherapie, Chemotherapie, antihormonelle Therapie und zielgerichtete Therapien. Welche Bausteine zum Einsatz kommen, hängt von Tumortyp, Stadium und individuellen Faktoren ab.
11.6
Brusterhaltende Operation
BET, der heutige Standard
Bei den meisten Brustkrebs-Patientinnen ist heute eine brusterhaltende Operation möglich. Bei der Brusterhaltenden Therapie, kurz BET, wird der Tumor mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand entfernt, die Brust selbst bleibt aber erhalten. In Kombination mit einer Strahlentherapie ist diese Behandlung gleich wirksam wie eine Mastektomie, mit deutlich besserer Lebensqualität.
Die brusterhaltende Operation ist möglich, wenn der Tumor in einem günstigen Verhältnis zur Brustgrösse steht, wenn nur eine Stelle betroffen ist und wenn eine Strahlentherapie durchgeführt werden kann. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Möglichkeiten der brusterhaltenden Chirurgie kontinuierlich erweitert, dank moderner Techniken wie der Onko-Plastischen Chirurgie.
11.7
Mastektomie
Wenn die Brust entfernt werden muss
Wenn eine brusterhaltende Operation nicht möglich oder nicht sinnvoll ist, wird die Brust ganz oder teilweise entfernt. Diese Mastektomie ist heute deutlich differenzierter als früher. Es gibt verschiedene Varianten: die einfache Mastektomie, die hautsparende Mastektomie, die nipple-sparing Mastektomie, bei der auch die Brustwarze erhalten bleibt.
Eine Mastektomie ist ein gravierender Eingriff, körperlich und seelisch. Moderne onkologische Zentren begleiten Patientinnen umfassend, von der präoperativen Aufklärung über die psychoonkologische Unterstützung bis zur Rekonstruktion. In den meisten Fällen kann gleichzeitig mit der Mastektomie oder zeitversetzt eine rekonstruktive Operation erfolgen, die die Brust wieder aufbaut.
11.8
Lymphknoten und Achselchirurgie
Sentinel-Node und Axilladissektion
Die Untersuchung der Lymphknoten ist ein wichtiger Schritt in der Brustkrebsbehandlung. Heute wird in den meisten Fällen die sogenannte Sentinel-Node-Biopsie durchgeführt. Dabei wird ein Tracer in die Brust injiziert, der den ersten Lymphknoten markiert, in den die Lymphbahnen vom Tumor abfliessen. Dieser Wächterlymphknoten wird entfernt und untersucht. Ist er tumorfrei, sind die weiteren Lymphknoten mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht befallen.
Nur wenn der Sentinel-Lymphknoten Tumorzellen enthält und bestimmte Kriterien erfüllt sind, wird eine erweiterte Axilladissektion durchgeführt. Diese Differenzierung schützt viele Frauen vor unnötigen Eingriffen und reduziert das Risiko eines Lymphödems am Arm.
11.9
Leben nach der Diagnose
Ressourcen, Begleitung, Hoffnung
Eine Krebsdiagnose verändert das Leben. Sie konfrontiert mit Endlichkeit, mit Angst, mit medizinischen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, oft schneller, als die Seele Zeit hat, sie zu verarbeiten. Gleichzeitig ist Brustkrebs heute keine Erkrankung, die das Leben definiert. Die allermeisten Frauen kehren nach der Behandlung in ein erfülltes Leben zurück.
Wichtige Anlaufstellen in der Schweiz sind die Krebsliga Schweiz, die zertifizierten Brustzentren der Universitätskliniken und Kantonsspitäler sowie Selbsthilfe-Organisationen wie Leben wie zuvor. Eine psychoonkologische Begleitung kann sehr wertvoll sein, sowohl während der Behandlung als auch in der Nachsorge.
11.10
Sie sind nicht allein
Psychologische Begleitung und Austausch
Eine Krebsdiagnose betrifft nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen. Psychologische Begleitung, der Austausch mit anderen Betroffenen und die Unterstützung durch das eigene Umfeld sind ebenso Teil der Behandlung wie jede medizinische Massnahme. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe anzunehmen. Sie müssen nichts allein tragen, und Sie müssen auch nicht alles auf einmal verstehen.
11.11
Anlaufstellen in der Schweiz
Kostenlose, vertrauliche Unterstützung
In der Schweiz steht Ihnen ein dichtes Netz an kostenloser, vertraulicher Unterstützung offen, ergänzend zu Ihrem Behandlungsteam:
Krebsliga Schweiz (krebsliga.ch)
Beratung, verständliche Broschüren und 18 kantonale und regionale Krebsligen, die vor Ort, telefonisch oder online begleiten.
Krebstelefon 0800 11 88 11
Kostenlos und auf Wunsch anonym, in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Schriftliche Beratung per E-Mail unter helpline@krebsliga.ch, dazu der Chat Cancerline.
Europa Donna Schweiz (europadonna.ch)
Die Patientenorganisation speziell für Brustkrebs, die sich für Früherkennung, beste Behandlung und Nachsorge einsetzt.
Diese Angebote ergänzen das ärztliche Gespräch, sie ersetzen es nicht. Bei medizinischen Fragen bleibt Ihr Behandlungsteam die erste Adresse.
«Eine Krebsdiagnose ist ein Einschnitt, aber sie ist kein Endpunkt. Die moderne Medizin gibt heute den meisten Frauen ihr Leben zurück, und für die Begleitung gibt es starke Stimmen.»
Redaktion meine-brust.ch, mit Verweis auf Krebsliga Schweiz
Verwandte Themen
Nächster Schritt
Rekonstruktion verstehen
Lesen Sie weiter über Mastektomie und moderne Rekonstruktionsverfahren — von DIEP-Flap bis Implantatrekonstruktion.
Mastektomie & Rekonstruktion→
